Selbstverständnis und politische Grundsätze der Autonomen Wohnfabrik

Wir wollen, dass sich alle Menschen in unseren Räumen und im Projekt wohlfühlen können. Deshalb beziehen wir klar Stellung – dieser Anspruch gilt für uns und für alle Menschen, die am Projekt teilhaben wollen:

Gegen Ableism:

Ableism ist die Beurteilung Menschen anhand von Fähigkeiten. Die Bewertung eines Menschen entscheidet sich dabei danach, was sie_er 'kann' oder 'nicht kann'.
Wir setzen uns aktiv für Menschen ein, die von ableistischer Diskriminierung betroffen sind, darum versuchen wir unsere Räumlichkeiten möglichst barrierefrei zu gestalten. Sprache die aufgrund ableistischer Ansichten diskriminiert hat im Projekt keinen Platz.

Gegen Antisemitismus:

Die Ausgrenzung und Verfolgung von Jüdinnen_Juden in Europa und weltweit hat lange Tradition. Auch wenn der Antisemitismus in Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Shoah gipfelte, sind antisemitische Ressentiments keineswegs aus der Welt verschwunden. Deshalb positionieren wir uns klar gegen jeden sowohl offensichtlichen als auch alltäglichen Antisemitismus, gegen Verschwörungstheorien, die auf antisemitischen Vorurteilen basieren und gegen falsche Kapitalismuskritik, die in antisemtitischer Hetze endet.

Gegen Faschismus:

Da Faschismus und Nationalsozialismus keineswegs Phänomene der Vergangenheit sind, ist es gerade in der heutigen Zeit von enormer Wichtigkeit, klar antifaschistische Positionen zu beziehen. Da sich als neurechts bezeichnende Gruppierungen immer mehr Zuwachs und Öffentlichkeit bekommen und rechtspopulistische Hetze stetig wachsenden Anklang findet, setzen wir und als Projekt aktiv gegen Faschismus und faschistische Tendenzen ein.

Gegen Interfeindlichkeit:

In unserer Gesellschaft gibt es sehr genaue und enge Vorstellungen davon, wie männliche und weibliche Körper auszusehen haben. Wenn ein Kind geboren wird, das nicht in diese Norm passt, wird es oftmals schon kurz nach der Geburt operiert und therapiert. Diese Eingriffe werden ohne Zustimmung an intergeschlechtlichen Kindern durchgeführt und ziehen oftmals schwere körperliche und psychische Folgen nach sich. Dabei sind sie medizinisch nicht notwendig – ihr einziger Zweck ist die Normierung von Körpern. Wir finden: Es sollen keine Menschen einer Norm angepasst werden, sondern diese Norm muss abgeschafft werden!

Gegen Kapitalismus:

Wir stellen uns gegen ein profitorientiertes Wirtschaftssystem das unter anderem zur Folge hat, dass mehr Häuser leerstehen als es wohnungslose Menschen gibt und dass täglich Tonnen an genießbaren Lebensmitteln weggeworfen werden, während sich viele Leute schlicht und einfach kein Essen leisten können. Im Kapitalismus werden Menschen nach ihrer Verwertbarkeit beurteilt: Wer die eigene Arbeitskraft nicht zu verkaufen vermag und so im System nicht funktioniert hat Pech gehabt und wird an der Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum systematisch ausgeschlossen. Denn das Wirtschaftssystem hat nicht, wie fälschlicherweise oft behauptet wird, die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zum Zweck, sondern die Mehrung von Kapital. Wir setzen uns ein für eine Strukturierung der Gesellschaft, die sich tatsächlich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert und in der alle gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten ohne Zwang oder Hierarchie kollektiv koordiniert und verrichtet werden.

Gegen Nationalismus:

Durch das Glorifiziern nationalen und patriotischen Gedankenguts entsteht eine fiktive Volksgemeinschaft. Diese Volksgemeinschaft schließt aufgrund rassistischer, sexistischer, ableistischer und anderer Unterdrückungsmechanismen zwangsläufig Menschen aus. Deshalb positionieren wir uns klar gegen patriotische und nationalistische Ansichten.

Gegen Rassismus:

Da rassistische Hetze und rechtspopulistisches Gedankengut unter anderem in den sozialen Medien in den letzten Jahren immer mehr präsent sind, finden wir es umso wichtiger uns dagegen einzusetzen und aktiv dagegen vorzugehen. Besonders geflüchtete Personen sind von Rassismus und rassistischen Übergriffen betroffen. So wird versucht unter anderem durch das Verbreiten falscher Behauptungen und durch Verallgemeinerungen von Taten Einzelner Stimmung gegen bestimmte Personengruppen zu machen. Wir solidarisieren uns mit Black People und People of Color im Kampf gegen Rassismus und alltäglicher Diskriminierung.

Gegen Sexismus:

Unsere Gesellschaft ist durchzogen von der Vorstellung des angeblichen Gegensatzpaares Frau und Mann. Damit einher geht eine Hierarchisierung: Frauen und viele Personen, die nicht in das binäre Geschlechtersystem passen, werden abgewertet und diskriminiert. Sexismus zeigt sich strukturell in verschiedensten Formen von Gewalt. Unter anderem wird Frauen, Lesben, Inter-, Trans- und Nicht-binären Personen die Selbstbestimmung über den eigenen Körper abgesprochen. Wir unterstützen deshalb feministische Kämpfe um Pro Choice und die reproduktive Selbstbestimmung. Ein weiterer häufiger Ausdruck von Sexismus ist sexualisierte Gewalt, die oft verharmlost oder in einer Täter-Opfer-Umkehr umgedeutet wird. Wir halten es für absolut notwendig, uns mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt solidarisch zu zeigen. Daher ist die Anwendung des Definitionsmacht-Prinzips (http://defma.blogsport.de/images/defma_flyer.pdf) für uns unerlässlich.

Gegen Transfeindlichkeit:

Transpersonen passen nicht in das normative Bild von Geschlecht und werden so durch gesellschaftliche und staatliche Gewalt sanktioniert: Ganz zu schweigen von alltäglicher Diskriminierung im öffentlichen Raum sind Transpersonen massiv von körperlicher und sexualisierter Gewalt betroffen. Für die Änderung des Personenstands oder für medizinische Maßnahmen müssen sie sich jahrelang Zwangstherapien und psychiatrischen Gutachten unterziehen. Auf der anderen Seite steht die Unsichtbarmachung und Negierung von Transidentitäten. Wir stellen uns gegen die Vorstellung, dass es nur zwei Geschlechter gibt und gegen einen Paternalismus, der Menschen abspricht, selbst am besten zu wissen, welches Geschlecht sie haben und Entscheidungen über ihren eigenen Körper zu treffen.

Gegen Diskriminierung aufgrund von Sexualität oder Begehren

Wir stellen uns gegen eine heteronormative Vorstellung davon, dass das eigene Geschlecht auch das eigene Begehren bestimmt. Viel eher wünschen wir uns eine Gesellschaft, in der alle Menschen abseits dieser Norm ihre Sexualität ganz nach ihren Wünschen und Bedürfnissen nach dem Konsens-Prinzip ausleben können, ohne dabei für krank erklärt oder anderen Formen von Diskriminierung ausgesetzt zu werden. Das schließt für uns unter anderem homosexuelle, bisexuelle, pansexuelle und queere Identitäten ein, lehnt aber auch den Zwang ab, überhaupt sexuelle Beziehungen zu führen oder sexuelles Begehren zu verspüren. In Anlehnung daran fordern wir, Asexualität, welche immer noch in medizinischen Handbüchern und aktuellen Klassifikationssystemen für Diagnosen (etwa ICD-10) als psychische Störungskategorie angeführt wird , als sexuelle Orientierung anzuerkennen und zu respektieren.

Für Parteiunabhängigkeit

Um die Autonomie des Projektes gewährleisten zu können, verfolgen wir im Projekt keinerlei parteiliche Ziele und agieren unabhängig von staatlichen Einrichtungen.

Intersektionalitäts-Ansatz

Uns ist bewusst, dass diese bloße Aneinanderreihung von Unterdrückungsmechanismen der tatsächlichen Komplexität der Gesellschaft nie gerecht werden kann. Verschiedene Formen von Unterdrückung beeinflussen und verstärken sich gegenseitig. So sind Menschen, die von mehreren Diskriminierungsformen betroffen sind, Verhältnissen ausgesetzt, die sich nicht mit der Analyse der einzelnen Diskriminierungsformen erklären und damit bekämpfen lassen. Aus diesem Grund empfinden wir es als notwendig, die verschiedenen Achsen von Unterdrückung als etwas Ineinandergreifendes zu verstehen und haben den Anspruch, Verhältnisse ganzheitlich zu analysieren und zu bekämpfen. Uns geht es nicht um die punktuelle (vermeintliche) Befreiung in einzelnen Belangen, sondern um eine Ablehnung jeglicher Herrschaft und um den Kampf für die befreite Gesellschaft und das gute, selbstbestimmte Leben für alle.